****** Beim Erscheinen von „Jazz“ hatten Queen 6 überragende Alben eingespielt. Allerdings hatten sich die Zeiten geändert und die anfangs ihnen wohlgesonnenen Musikkritiker ließen seit dem 76er Album „A Day At The Races“ an der Gruppe kein gutes Haar und zerrissen ihre neuen Platten förmlich in der Luft. Punk und New-Wave hießen die Zauberwörter jener Zeit. Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon hatten die Zeichen der Zeit erkannt und befreiten sich vom Bombast früherer Produktionen und spielten zwischen Juli und Oktober 1978 im schweizerischen Montreux ein Album mit wesentlich strafferen und kürzeren Stücken ein. Der Titel „Jazz“ ist ganz witzig und passend zum Konzept dieses Albums, meinen Freddie & Co. nicht den gleichnamigen Musikstil sondern eher damit die Beschreibung der Engländer, um eine lahme Sache aufzupeppen. Gleich zu Beginn von „Jazz“ ruft Iman Freddie Mercury in „Mustpaha“ die Queen-Gläubigen (oder Süchtigen?) zur (musikalischen) Messe. Das Stück ist ganz witzig, aber ziemlich simpel und nutzt sich schnell ab. In der heutigen Zeit wäre ein Stück wie „Mustapha“ ziemlich gewagt, würden vor lauter religiöser Ideologie verblendete Mullahs/Idioten gleich eine Verunglimpfung ihrer Religion wittern und zum Massenprotest gegen Queen und England aufrufen. In Teheran gingen dann zigtausende Menschen auf die Straßen und jede Menge Freddie Mercury-, Brian May-Puppen und Union-Jacks gingen in Flammen auf – obwohl keiner von ihnen je „Mustapha“ gehört hat bzw. den alles in allen banalen Textes verstanden hat. Frei von Kritik und anschließenden Proteststürmen dürfte „Fat Bottomed Girls“ sein, ein herrlich donnernder Rocker. Im Verbund mit „Bicycle Race“ stürmte das Stück als Doppel A-Seiten Single zur Jahreswende die internationalen Hitparaden. Den Kontrast zu den ersten beiden lebhaften bildet das verträumt klingende „Jealousy“, das mit einem sanften Piano, einer herrlich schrammelnden Slidegitarre und tollen Chorgesängen unterlegt ist. Das schon erwähnte „Bicycle Race“ ist ein gradliniger Rocker im Stil ihres 74er Hits „Killer Queen“, allerdings nicht ganz so treibend. Als witzige Albumbeilage zu „Bicycle Race/Fat Bottomed Girls“ gab ein Poster mit lauter nackten weiblichen Schönheiten auf Fahrrädern. Eine sehr witzige Idee, die diverse Frauenorganisationen allerdings gar nicht witzig fanden, wußten sie doch schon immer das Queen und speziell ihr Obermacho Freddie M. frauenfeindlich eingestellt waren Natürlich ist das blühender Blödsinn, war das Poster doch eine höchst vergnügliche Angelegenheit. Das von John Deacon komponierte ist ein höchst solider, gradliniger und sehr eingängiger Rocker mit Ohrwurmqualitäten, der damals jeder New-Wave Band gut zu gesicht gestanden hätte. Ebenfalls sehr gradlinig ist „Let Me Entertain You“ gehalten. Der Titel ist Programm, das Stück ist sehr unterhaltsam, bildet das Stück einen sehr gelungenen Brückenschlag zwischen leichten Punkansätzen und konventionellen Rock. Knackigen Rock a la „Tie Your Mother Down“ aus dem 76er Album „A Day On The Races“ bieten Queen in „Dead On Time“. Interessant an diesem Stück ist der zeitweise sehr schnelle Wortablauf, den Freddie von sich gibt. „Dead On Time“ ist ein Stück, das damals jeder Punk- und/oder New-Wave Band gut zu Gesicht gestanden hätte. „In Only Seven Days“ ist eine jener herrlich verträumten Queen-Balladen. Ganz interessant ist „Dreamers Ball“, ein herrlich verschrobenes buesiges Stück mit jazzigen Ansätzen. Ganz andere Töne schlagen sie in „Fun It“ an, und zwar kochenden Funk. „Fun It“ klingt wie eine Vorlage für ihren 80er Hit „Another One Bites The Dust“. Sicher ist diese Art von Musik bzw. so ein Stück im speziellen Geschmackssache, aber mir gefällt es. „Leaving Home Ain’t Easy“ ist ein kleiner Softrocker, der etwas unausgegoren klingt und der für den eigentlich keine Notwendigkeit bestanden hätte. Im Stil ihrer Hits der Jahre 1974-1977 ist „Don’t Stop Me Now“ gehalten, ein abwechslungsreiches Stück mit interessanten Tempowechseln und einem skurillen Text. Völlig zurecht war dieses sehr elegante Stück im Frühjahr als zweite Singleauskopplung im Frühjahr 1979 ein internationaler Tophit. Den Schlußpunkt setzt das von Roger Taylor geschriebene und gesungene „More Of That Jazz“, mit Sicherheit kein Höhepunkt von „Jazz“. Allerdings fällt das Stück durch den sehr aggressiven Gesang von Roger auf. Er singt so, wie damals wohl viele gerne Punk- und New-Wave-Sänger gern geklungen hätten. Im Fade-Out von „More Of That Jazz“ bieten Queen eine kurze musikalische Zusammenfassung diverser Titel von „Jazz“. Eine skurille aber sehr witzige Idee. Alles in allen ist „Jazz“ ein recht gutes Album und man täte ihm Unrecht, würde man es mit den Vorgänger vergleichen. Klar, ein Stück wie „Killer Queen“, „Somebody To Love“, „The Prophet’s Song“, „We Are The Champions“ oder gar „Bohemian Rhapsody“ sucht man hier vergebens. Aber man muß Queen zugute halten, daß sie sich von den musikalischen Fesseln der Vergangenheit lösen wollten, was ihnen auf „Jazz“ auch sehr gut gelungen ist, und das sie neue Wege beschritten. Wenn man sich einmal in die einzelnen Stücke hineingehört hat, dann bietet „Jazz“ sehr interessante Aspekte, die Musik der Gruppe noch faszinierender macht. Es stecken sehr viele Ideen in diesem Album und Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon haben sich wirklich sehr viel Mühe gegeben, diese auch entsprechend aufzuarbeiten und auszufeilen. Wie gesagt, beim ersten Anhören ist „Jazz“ vielleicht etwas enttäuschend, aber wenn man bereit ist, sich von seinen eigenen, vorgefaßten Queen-Fesseln zu befreien, dem eröffnet sich ein wirklich grandioses Werk. |